Internationaler Frauentag 2022
Bei der Veranstaltung am 8. März am Marktplatz hielt Claudia folgende Rede für Krankenhaus statt Fabrik Karlsruhe:
Soziale Arbeit hält die Gesellschaft zusammen und den Laden am Laufen. Sozial Arbeitende, das sind die Kolleginnen in den Kitas, in der Sozialarbeit und Behindertenhilfe. Der Bedarf dafür steigt stetig an, nicht aber ihre Anerkennung und Wertschätzung in Form von besseren Arbeitsbedingungen, mehr Fachkräften und einer ordentlichen Bezahlung.
Aber das ist eine Erfahrung, die die Kolleginnen mit uns, den Beschäftigten aus dem Gesundheitsbereich, gemeinsam haben. Auch uns wird nichts geschenkt.
Seit Jahren wird uns erzählt, es sei kein Geld da, um die Kliniken zu erhalten. In der letzten Tarifrunde wurde um jeden Cent gefeilscht. Für die deutsche Rüstungsindustrie kann man jedoch in kürzester Zeit 100 Milliarden Euro umstandslos bereitstellen!
Und machen wir uns nichts vor: diese Milliarden werden wir durch höhere Steuern, Einschnitte und Kürzungen im sozialen Sektor bezahlen müssen!
Dabei haben wir jetzt schon mit einem Wirtschaftssystem zu kämpfen, dass es zulässt, dass über unsere Gesundheit Finanzmärkte entscheiden! Was das bedeutet, ist kurz erzählt:
- Ca 30 Kliniken und drei Dutzend Abteilungen, darunter Geburtsstationen, wurden während der Pandemie geschlossen, weil sie keine Gewinne erwirtschaften. Seit GM Lauterbachs Amtszeit wurden mindestens zwei weitere Krankenhäuser geschlossen und drei wurden zum Teil dicht gemacht.
- Dazu werden immer weiter Kommunale und konfessionelle Krankenhäuser meistbietend im Ausverkauf angeboten und an private Träger verschachert, die größtenteils börsennotiert sind und an der Ausschüttung von Dividenden interessiert sind.
- Mittlerweile sind fast 40 Prozent aller deutschen Klinikbetten in privater Hand. Weltweit ein Spitzenwert, Deutschland hat die USA in dieser Hinsicht längst überholt.
Das deutsche Gesundheitswesen ist heruntergewirtschaftet. Ein elementarer Kernbereich der Daseinsfürsorge ist verkommen zu einem Industriezweig, übrigens dem umsatzstärksten im Land neben der Automobilindustrie. Profitmaximierung ist nicht nur gewünscht, sondern sie wird kalt eingefordert, auch wenn es zu Lasten der Beschäftigten, zu einer Verschlechterung ihrer Arbeitsbedingungen führt oder zu Versorgungslücken bei den PatientInnen.
Wie weit das gehen kann, haben die nicht abreißenden Skandale in den Pflegeheimen gezeigt, zuletzt bei den privatisierten Orphea Heimen in Frankreich, denen sich die alten Menschen zu überhöhten Preisen anvertrauten. Um Gewinne zu erzielen und die Taschen der Aktionäre zu füllen, wurde gewissenlos an allem gespart: An Medikamenten, an Essen, an Hygieneartikel, am Personal. Man hat bewusst gezockt auf Kosten der Beschäftigten und der Gesundheit der Heimbewohner.
Und wie ist die Lage in den Krankenhäusern?
Dort läuft das Personal in Scharen davon. Wir haben schon oft darüber berichtet. Der Mangel an Fachkräften existiert überall, auf jeder Station, in jedem Bereich. Notdürftig wird versucht, die Lücken zu stopfen durch die Anwerbung ausländischer KollegInnen.
Sie sind auch herzlich willkommen, aber ich habe es selbst erlebt, wie einige nach kurzer Zeit frustriert aufgeben wegen fehlender Anleitung und Überlastung. Das ist also auch nicht die Lösung.
Zum Glück gibt es auch eine Gegenbewegung
Viele Streiks der letzten Jahre, insbesondere von ver.di, hatten ein weibliches Gesicht: Die Streiks im Einzelhandel, im Sozial- und Erziehungsdienst sowie im Gesundheitsbereich, zuletzt bei dem besonders eindrucksvollen und erfolgreichen kämpferischen Berliner Krankenhausstreik 2021.Ihre Kämpfe sind Vorbild für andere Klinikbelegschaften; das zeigt sich auch jetzt durch die nächste Tarifrunde Entlastung an den Unikliniken in NRW, die genau wie in Berlin ein Ultimatum gestellt haben.
Die Perspektive, bundesweit mit vielen Kliniken zeitgleich diese Gesundheitspolitik und ihre Profitorientierung anzugreifen, ist besser denn je.
Denn mit diesen Auseinandersetzungen und Arbeitskämpfen in den letzten Jahren haben sich auch zunehmend die Streikinhalte verschoben.Es geht neben den Fragestellungen nach den Arbeitsbedingungen und der notwendigen Personalausstattung jetzt auch um Fragen wie:
- Wer betreibt eigentlich ein Krankenhaus und mit welchem Ziel? Aktiengesellschaften wollen Dividende ausschütten. Wieso sollten wir ihnen zu diesem Zweck unser höchstes Gut, unsere Gesundheit, überlassen?
- Oder auch, was bedeutet care Arbeit, wer führt sie aus, und wie ist die Rolle des Staates dabei? Care Arbeit, damit meine ich diesen riesigen Bereich unentlohnter, häuslicher Sorge-Arbeit, der in diesem System scheinbar in der natürlichen Zuständigkeit der Frauen liegt.
So wie es ist, kann es nicht bleiben. Schluss mit dem Monopoly.
Es ist höchste Zeit, die Daseinsvorsorge unter öffentlicher Kontrolle zu bringen. Um damit die Verfügungsgewalt über einen gesellschaftlichen Bereich, auf den wir alle angewiesen sind.
Markt- und Profitlogik stehen bislang beim Wohnen, bei der Gesundheit, bei Bildung und Mobilität ganz offensichtlich den Interessen der meisten Menschen entgegen. Ich plädiere deshalb dafür, im Bereich der Gesundheit nicht nur die professionelle Sorgearbeit, sondern auch die private Sorge – die Care Arbeit – in gesellschaftliche Verantwortung zu nehmen. Nehmen wir es in die Hand, entziehen wir den ganzen Bereich den krankmachenden profitgetriebenen Mechanismen. Kämpfen wir stattdessen für eine Gesundheits- und Daseinsvorsorge, die sich am gesellschaftlichen Bedarf orientiert und nicht an den Kriterien der Gewinnmaximierung. Wir haben viel zu gewinnen!
Dafür wünsche ich mir gerade an diesem internationalen Tag der Frauen viel Kraft und Power für uns!


